ESG, SRI, Impact und ethisches Investieren: Definitionen, Wesentlichkeit und was jeder Ansatz verspricht
Trennen Sie die fünf wichtigsten Ansätze des nachhaltigen Investierens, verstehen Sie finanzielle versus doppelte Wesentlichkeit und prüfen Sie, was ein Fonds tatsächlich verspricht.
Was Sie lernen werden
- Die genaue Bedeutung von ESG-Integration, Ausschluss (ethisches Investieren), SRI, Best-in-Class und Impact Investing.
- Der Unterschied zwischen finanzieller Wesentlichkeit und doppelter Wesentlichkeit und warum er verändert, was ein Fonds misst.
- Was jeder Ansatz verspricht, was er nicht versprechen kann, und ein Drei-Fragen-Test für jeden „nachhaltigen“ Fonds.
Erklärung
Das Wort „nachhaltig“ auf einem Fonds deckt sehr unterschiedliche Methoden ab. Die Struktur von Fonds und ETFs wird im Kurs „ETFs, Fonds & langfristiges Investieren“ behandelt; hier betrachten wir nur, was das Nachhaltigkeitslabel hinzufügt. Fünf Ansätze dominieren:
ESG-Integration. ESG steht für Environmental, Social und Governance (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung). Bei der Integration nutzt der Manager ESG-Daten als einen weiteren Input für die Schätzung von Risiko und Rendite. Nichts wird automatisch ausgeschlossen. Ein Ölproduzent mit guten Sicherheitsdaten kann eine große Position sein. Das Versprechen ist eine bessere Risikoanalyse, kein saubereres Portfolio.
Ausschluss oder ethisches Investieren. Der Fonds entfernt Unternehmen wegen dessen, was sie tun (Tabak, Waffen, Glücksspiel), oder wegen ihres Verhaltens (schwere Normverstöße). Das Versprechen lautet: „Sie werden diese Unternehmen nicht besitzen.“ Es sagt nichts darüber aus, ob die verbleibenden Unternehmen gut sind.
SRI (Socially Responsible Investing). Historisch ein wertebasierter Begriff; heute verwenden Indexanbieter wie MSCI „SRI“ für Indizes, die Ausschlüsse mit einer Best-in-Class-Auswahl kombinieren (nur die am besten bewerteten Unternehmen jedes Sektors bleiben). Das Versprechen ist ein Portfolio mit einem höheren durchschnittlichen ESG-Rating als der Markt.
Impact Investing. Der Fonds beabsichtigt, eine messbare positive Veränderung zu bewirken, und berichtet darüber. Bei börsennotierten Aktien ist dieser Anspruch umstritten, was Lektion 8 ausführlich behandelt.
Finanzielle versus doppelte Wesentlichkeit
Wesentlichkeit bedeutet „wichtig genug, um eine Entscheidung zu beeinflussen“. Finanzielle Wesentlichkeit fragt: Wie wirken sich Nachhaltigkeitsthemen auf die Cashflows und den Wert des Unternehmens aus? Eine CO2-Steuer, die die Kosten erhöht, ist finanziell wesentlich. Doppelte Wesentlichkeit fügt eine zweite Richtung hinzu: Wie wirkt sich das Unternehmen auf Menschen und den Planeten aus, auch wenn dies das Unternehmen (noch) nichts kostet?
Diese Unterscheidung entscheidet darüber, was ein Fonds misst. Die meisten kommerziellen ESG-Ratings (Lektion 2) beruhen hauptsächlich auf finanzieller Wesentlichkeit: Sie messen das Risiko für das Unternehmen. Ein Fonds, der sich „ESG“ nennt und solche Ratings verwendet, kann einen großen Emittenten halten, wenn dieser Emittent seine Risiken gut managt. EU-Regeln neigen zur doppelten Wesentlichkeit: Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verpflichtet die erfassten Unternehmen, über beide Richtungen zu berichten (der Anwendungsbereich wird durch die „Omnibus“-Vereinfachung 2025–2026 verkleinert, prüfen Sie also, wer aktuell berichtet), und die SFDR-Indikatoren für die „wichtigsten nachteiligen Auswirkungen“ (Lektion 5) messen den durch Investitionen verursachten Schaden.
Was jeder Ansatz verspricht
| Ansatz | Versprechen an Sie | Nicht versprochen |
|---|---|---|
| ESG-Integration | ESG-Daten werden in der Analyse genutzt | Irgendein Ausschluss oder sauberere Positionen |
| Ausschluss / ethisch | Benannte Aktivitäten entfernt | Qualität dessen, was übrig bleibt |
| Best-in-Class / SRI | Höheres durchschnittliches Rating als der Markt | Abwesenheit großer Emittenten |
| Impact | Absicht und Berichterstattung über Wirkungen | Nachweis, dass Ihr Geld die Wirkung verursacht hat |
Der Drei-Fragen-Test
- Welcher Ansatz? Suchen Sie die Wörter „ausschließen“, „Best-in-Class“, „integrieren“ oder „Impact“ im Verkaufsprospekt oder im SFDR-Anhang, nicht in der Marketingbroschüre.
- Welche Wesentlichkeit? Misst der Fonds das Risiko für das Unternehmen (finanziell) oder den Schaden durch das Unternehmen (doppelt)? Achten Sie auf Indikatoren für die wichtigsten nachteiligen Auswirkungen oder auf eine CO2-Fußabdruck-Berichterstattung.
- Was ist messbar? Ein Versprechen wie „Wir halten keine Unternehmen mit mehr als 5% Tabakumsatz“ ist überprüfbar. „Wir investieren in eine bessere Zukunft“ ist es nicht.
Durchgerechnetes Beispiel
Hypothetisches Beispiel: Die Nordwind Industrie AG ist ein fiktives Logistikunternehmen mit einem Jahresumsatz von €4,000 Millionen, von denen €160 Millionen aus dem Vertrieb von Tabakprodukten an Kioske stammen. Sie halten €10,000 in einem Fonds, in dem Nordwind ein Gewicht von 2.5% hat.
Schritt 1 – Tabak-Umsatzanteil: €160m ÷ €4,000m = 0.04 = 4.0%.
Schritt 2 – wie vier Ansätze das Unternehmen behandeln:
- Strenger ethischer Fonds (0% Toleranz für Tabakvertrieb): ausgeschlossen.
- Typischer SRI-Index (5% Umsatzschwelle für tabakbezogene Produkte): 4.0% < 5%, also zulässig; danach braucht es weiterhin ein gutes ESG-Rating.
- ESG-Integrationsfonds: zulässig; der Manager würde lediglich vermerken, dass der Tabakvertrieb regulatorisches Risiko birgt.
Schritt 3 – Ihr Exposure: 2.5% × €10,000 = €250 in Nordwind, wovon der umsatzanteilig zurechenbare Tabakanteil 4.0% × €250 = €10 beträgt.
Annahmen: erfundene Gewichte und Umsätze; Gebühren, Steuern und tägliche Gewichtsänderungen ignoriert. Dasselbe Unternehmen ist unter einem Ansatz „nachhaltig“ und unter einem anderen nicht.
Häufiger Fehler
Übungsaufgabe
Auf Papier: Ein fiktives Chemieunternehmen, die Rheinchem SE, hat einen Umsatz von €2,500 Millionen. €75 Millionen stammen aus Pestiziden, die auf einer gängigen Ausschlussliste stehen, und es hat wegen eines starken Sicherheitsmanagements ein überdurchschnittliches ESG-Risikorating. Ordnen Sie ein, wie (a) ein Ausschlussfonds mit 0%-Schwelle, (b) ein SRI-Index mit 5%-Schwelle und Rating-Anforderung und (c) ein ESG-Integrationsfonds das Unternehmen behandeln würden. Berechnen Sie dann den Pestizid-Umsatzanteil.
Lösung anzeigen
Pestizidanteil: €75m ÷ €2,500m = 0.03 = 3.0%.
(a) 0%-Fonds: ausgeschlossen, weil jeder Pestizidumsatz zählt.
(b) SRI-Index: 3.0% < 5%, also besteht es den Aktivitätsfilter; mit einem guten Rating kann es aufgenommen werden.
(c) ESG-Integration: zulässig; der Manager könnte es wegen des guten Risikomanagements sogar bevorzugen.
Einschränkungen: Reale Ausschlusslisten definieren „Pestizide“ unterschiedlich (zum Beispiel nur solche, die in der EU verboten sind), sodass dasselbe Unternehmen eine Liste bestehen und an einer anderen scheitern kann.
Wichtigste Erkenntnisse
- Hinter dem Wort nachhaltig verbergen sich fünf Ansätze; jeder verspricht etwas anderes und Begrenztes.
- Finanzielle Wesentlichkeit misst das Risiko für das Unternehmen; doppelte Wesentlichkeit fügt den vom Unternehmen verursachten Schaden hinzu.
- Die meisten ESG-Ratings sind Instrumente der finanziellen Wesentlichkeit, daher bedeutet „ESG“ nicht „ethisch“.
- Nur überprüfbare Regeln (Schwellenwerte, benannte Listen, berichtete Indikatoren) lassen sich später kontrollieren.
Nächster Schritt
In der nächsten Lektion sehen Sie, wie MSCI, Sustainalytics und ISS ein ESG-Rating tatsächlich konstruieren und warum sie beim selben Unternehmen oft unterschiedlicher Meinung sind.
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